Neues Semester, neuer Stundenplan: Während sich der Campus füllt, fragst du dich vielleicht, wie du Vorlesungen schaffst, wenn du dich zu Hause um jemanden kümmerst. Studium und Sorgearbeit unter einen Hut zu bekommen, ist manchmal ein echter Balanceakt – aber du musst ihn nicht alleine schaffen. An vielen Hochschulen gibt es Unterstützung. Annika Müller, Fachberaterin im Familienbüro für Studierende der Zentralen Studienberatung der Hochschule Bremen, erzählt, welche Wege Entlastung bringen und wie dir das Studium ein Stück Normalität zurückgeben kann.
Mit welchen Anliegen kommen Studierende mit Pflegeverantwortung zu Ihnen? Und warum lohnt sich ein Gespräch direkt zum Semesterstart?
In der Beratung geht es meist um die ganz praktische Organisation des Studienalltags: Wie lassen sich Vorlesungen und Aufgaben zu Hause vereinbaren? Was passiert, wenn ich wegen der Pflege ausfalle oder die psychische Belastung wächst? Ein Gespräch zu Semesterbeginn hilft, vorauszuschauen, statt nur zu reagieren: Welche Anforderungen oder Praxisphasen stehen an? Wo könnten Zeiten eng werden und mit wem sollte ich frühzeitig sprechen? So lassen sich individuelle Absprachen treffen, bevor Stress entsteht.
Pflegeverantwortung bleibt im Studienalltag oft unsichtbar. Welche Erfahrungen machen Sie damit in der Beratung?
Viele sprechen ihre Situation zunächst nicht an, weil sie keine Sonderbehandlung möchten oder Sorge haben, anders wahrgenommen zu werden. In der Beratung schauen wir deshalb gemeinsam: Was belastet dich gerade, was möchtest du teilen und bei wem kann Transparenz helfen? Eine Studentin erzählte mir erst nach großem Zögern von ihrer Situation und meinte dann unter Tränen: „Eigentlich weine ich nie, ich versuche das immer zu verdrängen.“ Beratung ist oft der erste geschützte Raum, in dem die eigene Lebensrealität einfach ausgesprochen werden darf. Schon die Erkenntnis, damit nicht allein zu sein, entlastet oft.
Welche Spielräume gibt es im Studium, um Vorlesungen und Sorgearbeit zu vereinbaren – gerade wenn sich zu Hause spontan etwas ändert?
Wir schauen immer, welche Möglichkeiten es gibt und was zur jeweiligen Situation passt. An der Hochschule Bremen bieten sich etwa ein Teilzeitstudium oder ein Urlaubssemester an, um den Verlauf zu entzerren. Auch bei Fristen, Anwesenheiten oder Prüfungsformen suchen wir
gemeinsam mit den zuständigen Stellen nach Lösungen. Da Sorgearbeit schwer planbar ist, überlegen wir zudem, welche Ansprechpersonen in akuten Momenten wichtig sind, zum Beispiel wenn Prüfungen anstehen. Einen Notfallplan auf dem Schreibtisch zu haben, kann bereits im Vorfeld viel Stress nehmen.
Inwiefern unterscheidet sich die Situation junger Pflegender von anderen Care-Aufgaben wie etwa der Kinderbetreuung?
Die Aufgaben zu Hause sind oft schwerer vorhersehbar als eine Kinderbetreuung mit festen Kita-Zeiten. Eine Studentin, die ich beraten habe, war gedanklich rund um die Uhr bei ihrer Großmutter, organisierte Hilfe und fuhr ständig zu ihr – bis ihr im Studium jegliche Leichtigkeit verloren ging. In der Beratung sprechen wir deshalb darüber, wie Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt werden kann und wie neben Pflege und Studium noch ausreichend Raum für das eigene Leben bleibt.
Welche Stärken haben Studierende mit Pflegeverantwortung – und wie kann das Studium als Freiraum genutzt werden?
Pflegende Studierende bringen oft viel Organisationstalent, Verantwortungsbewusstsein und Flexibilität mit. Gleichzeitig kann das Studium ein wichtiger eigener Lebensbereich sein: Man verfolgt ein persönliches Ziel, lernt neue Menschen kennen, entwickelt berufliche Perspektiven und hat Zeit für Interessen außerhalb der Familie. Eine Studentin sagte mir einmal, an der Hochschule könne sie endlich einen „ganz normalen Alltag“ leben. Das bringt es auf den Punkt: Das Studium schenkt ein Stück Normalität und Freiraum für die eigene Person.
An welche Anlaufstellen an der eigenen Hochschule können sich Studierende wenden, um Erstberatung oder Unterstützung zu erhalten?
Das Familienbüro für Studierende ist eine gute erste Anlaufstelle – man muss dafür noch keinen fertigen Plan haben. Wir sortieren gemeinsam, was gerade los ist und was ansteht. Je nach Bedarf vermitteln wir an die Psychologische Beratungsstelle des Studierendenwerks, die Sozialberatung des AStA, Prüfungsämter oder das Studentische Gesundheitsmanagement für mehr Wohlbefinden im Studium. Auch der Austausch mit Gleichgesinnten, etwa über das Projekt „Young Carer Coach“, kann sehr hilfreich sein.
Wie unterstützt das Pausentaste-Hochschulpaket Dozierende und Beratungsstellen – und was ist für einen guten Umgang auf dem Campus wichtig?
Das Hochschulpaket macht Hilfsangebote für Studierende sichtbar und schafft bei Lehrenden Bewusstsein dafür, dass hinter Abwesenheiten oder Leistungsveränderungen eine familiäre Sorgesituation stecken kann. Für ein gutes Miteinander braucht es beides: möglichst klare Informationen über Hilfen und Wege und dazu Offenheit für individuelle Situationen. Schon ein einfacher Satz von Dozierenden wie „Wenn Sie familiär gerade stark gefordert sind, sprechen Sie uns gerne an“ hilft dabei, Barrieren abzubauen und viel zu verändern.
Hier erfährst du mehr über das digitale Hochschulpaket der Pausentaste mit hilfreichen Materialien für Hochschulpersonal:
https://www.pausentaste.de/fuer-fachleute/materialien-fuer-hochschulen/
Und hier geht’s zum Young Carer Coach: https://www.youngcarercoach.de/
#Interview #Tipps



